Warum Chemieunternehmen ihre PCFs nach dem TfS-Standard berechnen sollten
Der Druck auf Chemieunternehmen, belastbare Product Carbon Footprints (PCFs) zu liefern, steigt spürbar. Kunden entlang der Wertschöpfungskette fragen produktspezifische CO₂-Werte an, Scope 3 Ziele erfordern Primärdaten von Lieferanten, und branchenübergreifende Datenräume wie Catena-X erwarten vergleichbare Zahlen. Das Problem: Wer nach einem unspezifischen Standard rechnet, produziert Werte, die schwer vergleichbar und für chemische Prozesse unpräzise sind.
Genau hier setzt der PCF-Standard der Together for Sustainability (TfS) Initiative für die Chemieindustrie an. Dieser Artikel erklärt, was der TfS-Standard ist, warum er für Chemieunternehmen gegenüber generischen Standards wie ISO 14067 die bessere Grundlage bildet und was konkret zu tun ist.
Was ist der TfS PCF Standard?
Together for Sustainability ist eine Initiative führender Chemieunternehmen mit dem Ziel, Nachhaltigkeitsstandards für globale Chemie-Lieferketten zu entwickeln. Die TfS PCF Guideline ist der daraus entstandene, branchenspezifische Standard zur Berechnung von Product Carbon Footprints chemischer Produkte. Die aktuell gültige Version 3.0 wurde im Dezember 2024 veröffentlicht.
Der Standard liefert konkrete, harmonisierte Berechnungsregeln für Cradle-to-Gate-PCFs, also von der Rohstoffgewinnung bis zum Werkstor. Er ist auf Scope 3.1 Emissionen (Eingekaufte Waren und Dienstleistungen) ausgerichtet und damit direkt anschlussfähig an die CCF-Bilanzierung. Wichtig: Der TfS-Standard ersetzt bestehende Methoden nicht, sondern baut auf ISO 14040/44, ISO 14067 und dem GHG Protocol Product Standard auf. Er konkretisiert die allgemeinen Vorgaben aus diesen grundlegenden Standards für den chemischen Kontext.
Warum PCFs für Chemieunternehmen jetzt zentral werden
In der Chemie entsteht ein Großteil der Emissionen in der vorgelagerten Wertschöpfungskette. Für viele Unternehmen liegt der Schwerpunkt der Treibhausgasbilanz daher in eingekauften Rohstoffen und Vorprodukten, also in Scope 3. Produktbezogene Transparenz ist deshalb der Hebel, um Emissionen entlang der Lieferkette überhaupt sichtbar zu machen und zu reduzieren.
Damit werden PCFs von reiner Berichterstattung zum Wettbewerbsfaktor: Kunden in der Chemieindustrie verlangen produktspezifische Werte, und in der Lieferantenauswahl zählt zunehmend nicht nur Preis und Qualität, sondern auch der CO₂-Fußabdruck. Zusätzlich ermöglicht Transparenz auf Produktebene, Nachhaltigkeit systematisch über PCFs zu steuern, wie das Beispiel von Treibacher zeigt. Das funktioniert allerdings nur, wenn die Zahlen nach denselben Regeln berechnet und damit vergleichbar sind.
TfS vs. ISO 14067: Wo der branchenspezifische Standard den Unterschied macht
Wer bereits nach ISO 14067 rechnet, hat die methodische Basis. ISO 14067 ist jedoch ein branchenübergreifender Standard, der an vielen Stellen bewusst Interpretationsspielraum lässt. Genau dieser Spielraum führt in der Chemie zu abweichenden Ergebnissen für dasselbe Produkt, je nachdem, welche Annahmen ein Unternehmen trifft. Der TfS-Standard schließt diese Lücken mit verbindlichen, industriespezifischen Regeln. Die wichtigsten Unterschiede:
1. Einheitliche Systemgrenze: Cradle-to-Gate
TfS legt Cradle-to-Gate als verbindliche Systemgrenze fest. Nutzungsphase und End-of-Life sind ausgeschlossen. Das schafft eine klare, einheitliche Grundlage für den Vergleich von PCFs verschiedener Hersteller und die Nutzung der Daten für Scope 3.1, während ISO 14067 auch andere Systemgrenzen zulässt.
2. Harmonisierte Allokations-Hierarchie
Chemische Prozesse liefern typischerweise mehrere Co-Produkte. Wie die Emissionen auf diese Outputs verteilt werden, entscheidet maßgeblich über das Ergebnis. TfS gibt eine verbindliche Allokations-Hierarchie vor und hat diese in Version 3.0 gezielt mit anderen PCF Standards wie Catena-X und PACT abgestimmt. Das reduziert Unsicherheiten und macht die Ergebnisse reproduzierbar.
3. Chemiespezifische Behandlung von biogenen Emissionen, Recycling und CCU/CCS
Biogene Emissionen und Removals, recycelte Einsatzstoffe sowie Carbon Capture and Utilization/Storage (CCU/CCS) sind in der Chemie alltäglich, in branchenübergreifenden Standards aber nur grob geregelt. TfS liefert hierfür dedizierte Entscheidungsbäume und Rechenregeln, die Unternehmen der Chemieindustrie für ihre PCF-Berechnungen anwenden können.
4. Messbare Datenqualität und Primärdatenanteil
TfS harmonisiert die Bewertung der Datenqualität und den Ausweis des Primärdatenanteils in PCFs. Damit wird transparent, welcher Anteil eines PCF auf eigenen Primärdaten statt auf Sekundär- oder Durchschnittsdaten beruht, ein entscheidendes Qualitätsmerkmal, das ISO nicht als verbindlich berichtete Kennzahl fordert. Das Data Quality Rating (DQR) weist die Datenqualität anhand von technischer, zeitlicher und geografischer Repräsentativität aus.
5. Verifizierung und Reporting
Der Standard beschreibt Anforderungen an die Verifizierung von PCF-Berechnungen und an das Reporting. Das erhöht die Glaubwürdigkeit der Werte gegenüber Kunden und Prüfern, gerade dort, wo PCFs in Lieferantenentscheidungen einfließen.
Einordnung: TfS, Catena-X, PACT und der PCF-Datenaustausch
Ein häufiges Missverständnis ist, die TfS und Catena-X Standards stünden im Wettbewerb. Das Gegenteil ist der Fall. Der TfS-Standard ist als Chemie-Baustein bewusst auf die branchenübergreifende Interoperabilität ausgelegt. Er ist mit der PACT Methodik des World Business Council for Sustainable Development (WBCSD) und dem Catena-X PCF Regelwerk abgestimmt, und Berechnungsregeln wurden explizit zwischen den drei Standards harmonisiert.
Für Chemieunternehmen, die auch die Automobilindustrie beliefern, ist das ein entscheidender Vorteil: Ein nach TfS berechneter PCF kann auch über den Catena-X Datenraum geteilt werden. Wer nach TfS rechnet, bedient also nicht nur die eigene Branche, sondern bleibt gleichzeitig anschlussfähig an die Datenräume der Kunden.
Auch TfS selbst bietet eine Plattform für Datenaustausch. Sie wurde ursprünglich als SiGREEN von Siemens betrieben, seit der Übernahme durch Makersite (2026) firmiert sie unter dem Namen Mattermaps. Die Plattform ist ebenfalls mit den PACT Datenaustausch Guidelines abgestimmt und ermöglicht es, PCF-Daten kontrolliert mit Geschäftspartnern zu teilen, festzulegen, wer welche Daten erhält, und den Aufwand für die manuelle Eingabe in verschiedene Systeme zu reduzieren.
Was bedeutet das für Unternehmen, die bereits ISO-konform rechnen?
Die gute Nachricht: Die methodische Basis stimmt. Wer heute nach ISO 14067 rechnet, muss die Berechnungslogik nicht neu aufsetzen. Dazu kommen die chemiespezifischen Konkretisierungen: konsequente Cradle-to-Gate-Systemgrenze, TfS-konforme Regeln für Massenbilanz und Allokation, korrekter Umgang mit biogenen Anteilen und Recycling sowie der explizite Ausweis von Datenqualität und Primärdatenanteil.
Nächste Schritte für Chemieunternehmen
- Methodischen Status quo prüfen: Werden PCFs bereits nach ISO 14067 oder GHG Protocol berechnet? Wenn ja, besteht bereits eine solide Basis, die weiter spezifiziert werden kann.
- Chemiespezifische Lücken identifizieren: Sind Themen wie Allokation, biogene Emissionen und Recycling bereits TfS-konform geregelt? Ist die Systemgrenze sauber als Cradle-to-Gate dokumentiert?
- Datenqualität und Primärdaten adressieren: Wird der Primärdatenanteil systematisch erfasst und ausgewiesen? Hier liegt oft der größte Hebel für belastbare Werte.
- Kundenanforderungen klären: Welche Kunden fragen bereits TfS-konforme PCFs an, und wer erwartet Anschlussfähigkeit an Datenräume wie Catena-X?
- Piloten für Kernprodukte starten: Sie müssen nicht das gesamte Portfolio auf einmal berechnen. Starten Sie stattdessen mit den Produkten, die für Ihre wichtigsten OEM-Kunden relevant sind, und bauen Sie dort eine belastbare Berechnungsbasis auf.
- Datenaustausch planen: Frühzeitig klären, wie PCFs künftig standardisiert geteilt werden, etwa über Mattermaps.
Für Chemieunternehmen ist der TfS-Standard damit nicht nur die methodisch präzisere, sondern auch die strategisch klügere Wahl: branchenspezifisch genau, mit ISO und GHG Protocol kompatibel und über Catena-X anschlussfähig an die Datenräume verschiedener Kunden.










































































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